FOTOGRAFIEN MIT FILMISCHEN ERLEBNISQUALITÄTEN

Katalogtext 2004

Versucht man das Werk von Michael Wendt in eine Formel zu bringen, dann kann man Botho Strauß zitieren, der den Vorgang des Schreibens als den beharrlichen Versuch, »das Erinnern neu zu erfinden«1, beschreibt als einen Prozess des sich weiter und weiter in die Vergangenheit Fortschreibens. Auch Michael Wendts fotografische Arbeit thematisiert Erinnerung, man kann sagen, sein Werk dekliniert eine Grammatik des Erinnerns. Sich erinnern heißt, eine Erfahrung ein zweites Mal zu durchleben und, wie der kanadische Gedächtnisforscher Endel Tulving sagt, "eine geistige Zeitreise zu unternehmen".

Die Zeitreise ist verbunden mit der unverwechselbaren Erlebnisqualität des 'Sich-selbst-Zurückdenkens'. In der Erinnerung kehren die sinnlichen Aspekte des Erlebnisses (der Geruch von Farbe, lodernde Flammen) ins Bewusstsein zurück. Auch wie man sich fühlte, was man dachte und wie man die Situation bewertete – all das präsentiert sich dem Geist«2 während des Erinnerns. Doch wie funktioniert die Erinnerung? Sie lässt sich nicht steuern, sie überrascht uns mit ihren Bildern und Impressionen. Erinnern ist kein planvoller Vorgang, es entzieht sich der bewussten Einflussnahme.
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen drei Arten der Erinnerung. Nur das episodische Gedächtnis, von dem hier die Rede ist, bringt die Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Bewerkstelligt wird diese Gehirnleistung von so genannten Ortszellen, die eine wichtige Rolle bei der räumlichen Navigation spielen. Gemeinsam signalisieren diese Ortszellen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Anders ausgedrückt: Die Neuronen verknüpfen einen gegenwärtigen Inhalt (den aktuellen Aufenthaltsort) mit einem vergangenen oder zukünftigen Inhalt (dem früheren oder zukünftigen Aufenthaltsort). Die beiden anderen Grundformen des Gedächtnisses – das Faktengedächtnis und das prozedurale Gedächtnis - ermöglichen keine solchen geistigen Zeitsprünge. Wenn ein Foto deckungsgleich mit dem vertrauten Erinnerungsbild ist, wird dem Foto Authentizität und Wahrheitsgehalt attestiert.
Michael Wendt unterläuft mit seiner fotografischen Methode diesen trügerischen Zusammenhang zwischen der Erinnerung und scheinbarer fotografischer Objektivität. Indem er Fotografien aus alten Familienalben und Postkarten seiner Reisen als Ausgangsmaterial wählt und diese Bilder erneut abfotografiert, sind nur noch bedingt Rückschlüsse auf das vorgefundene Bildmaterial möglich. Wobei sich der Komplex der Fotografien aus alten Familienalben als Werkphase deutlich von den jüngeren Bildern unterscheidet, weil die Zeit, in der sie entstanden sind, wieder lebendig wird.
»Rom, 1962« ist der Titel einer Fotografie. Die weibliche Person im Vordergrund und das Portal im Hintergrund sind gleichermaßen verschwommen. Vermutlich ist die Frau zufällig vor die Linse des Fotografen geraten; die Unschärfe verleiht der Person Dynamik, die auch die Architektur zu ergreifen scheint. Der Fokus der Aufmerksamkeit liegt bei dem jungen Mann, der seinerseits wie ein stiller Beobachter in der Situation verharrt.

Der dokumentarische Charakter der Fotografie ist hier aufgegeben, und auch der biografische Aspekt des Michael Wendt Fotoalbums ist getilgt. Vielmehr wird das urbane Lebensgefühl dieser Metropole erkennbar, wie man es aus dem Kino aus den vielen unvergessenen Filmen dieser Jahre kennt.
Für das diffuse Spiel mit der Unschärfe benutzt der Künstler eine Spiegelreflexkamera mit einer speziellen Optik. Die Linsen der Objektive sind von ihm neu angeordnet worden. Außerdem bewegt er während der Belichtung die Kamera und setzt mit der Fotolampe Lichtpunkte. Das Ergebnis: Unscharfe Bilder, unterbrochen von einzelnen klaren Zonen, suggerieren einen filmischen Effekt - vergleichbar einem dynamischen Kamerazoom.
Michael Wendts jüngere Fotoarbeiten sind Bildausschnitte aus großer Distanz, wie mit dem Fernglas beobachtet. In der Darstellung einer Seenlandschaft, »Seeinsel«, 2003, bleibt der Betrachterstandpunkt ein entfernter: Kleine Häuser mit roten Dächern am Seeufer besiedeln das Bild, umgeben von Bäumen mit buschigen Baumkronen, die alle einen exakten Schatten werfen. Unwillkürlich sucht man in dem Bild nach Fehlern, nach dem Unechten. Der Künstler spricht hier selbst von »Faller Welten«, diesen miniaturisierten Märklinlandschaften, Relikte einer fernen Kindheit, die, wie Botho Strauß es formuliert, »gegen ein würdeloses Erwachsenenleben« verteidigt werden müssen. Eine Nähe entsteht zu den geistigen Zeitsprüngen des episodischen Gedächtnisses, wie sie die Wissenschaft beschreibt, wenn Michael Wendt Fotografien von Menschen bearbeitet.

Das Foto «Auf der Heide, 2003» zeigt eine Gruppe von drei Personen, alle in einer dynamisch- en Bewegung begriffen. Sie sind frontal hell beleuchtet, strahlen geradezu, befinden sich miteinander in einer Aktion, deren Bedeutung offen bleibt. Die drei Personen sind zwar zentral in der Mitte der Bildfläche positioniert, doch ihre gedehnten, verzerrten Gesten binden sie links, von wo sie kommen - und rechts, wohin sie streben -, an die Bildränder. Vergangenheit, Gegenwart und das Zukünftige scheinen in dieser Fotografie linear aufgereiht, miteinander verbunden zu sein. Die drei Personen wirken wie in ein Gespräch vertieft, wähnen sich unbeobachtet. Als Betrachter glaubt man den Wind zu spüren und die Wärme der Sonne auf ihren Gesichtern sowie die Eile, von der sie getrieben scheinen. Das Foto zeigt nicht nur eine Episode aus einem Handlungsablauf, vielmehr wird darin ein komplexer Erlebniszusammenhang als Erinnerungsbild aktiviert.
Michael Wendt, so könnte man behaupten, schafft Fotografien mit filmischen Erlebnisqualitäten oder schweifenden Erinnerungen, als ob man während einer langen Eisenbahnfahrt aus dem Fenster schaute.

© Barbara Claassen-Schmal
in: Katalog swb-Galerie, Herausgeber Katerina Vatsella u. swbAG, Bremen, ISBN 3-89757-248-6

1 Botho Strauß, Der Untenstehende auf Zehenspitzen, Hanser, 2004
2 Guido Speiser, Da war doch noch was? Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 11, 2004